Kapitel 3: Perspektiven

für die Zukunft

Kapitel 3: Perspektiven

für die Zukunft

Der digitale Aufbruch Lernen für alle!

Der freiheitliche Aufbruch Mehr Autonomie wagen!

Der soziale Aufbruch: Freiheit von Angst und Abstieg

Individuelle Förderung plus Leistungs-differenzierung

Der demokratische Aufbruch: Freiheit zur Teilhabe

Der pädagogische Aufbruch: Verantwortung übernehmen und teilen

Der föderale Aufbruch: Mehr Kooperation wagen!

Fazit Beste Bildung für Alle

Der digitale Aufbruch Lernen für alle!

Der freiheitliche Aufbruch Mehr Autonomie wagen!

Der soziale Aufbruch: Freiheit von Angst und Abstieg

Individuelle Förderung plus Leistungs-differenzierung

Der demokratische Aufbruch: Freiheit zur Teilhabe

Der pädagogische Aufbruch: Verantwortung übernehmen und teilen

Der föderale Aufbruch: Mehr Kooperation wagen!

Fazit Beste Bildung für Alle

Bei den sozioökonomischen Faktoren hat sich kaum etwas verändert. Wir separieren die Schüler zu stark. Kinder aus weniger bildungsstarken Familien haben deutlich weniger Chancen auf Bildungserfolg. Wir müssen Strukturveränderungen angehen, die zum Teil weh tun, weil sie einschneidend sind. 20 Jahre nach PISA haben wir auf diesem Gebiet so gut wie keine Fortschritte erzielt.
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Dagmar Wolf, Robert Bosch Stiftung

Eine zentrale Herausforderung ist eine stärkere Einheitlichkeit der Qualität des deutschen Schulsystems aus Gründen der Bildungsgerechtigkeit.
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Ludger Wößmann, ifo Institut

Die Schulen brauchen einen mehrfachen Aufbruch

Seit PISA vor 20 Jahren hat Deutschland in der Bildungspolitik im internationalen Vergleich kaum aufgeholt. In den beiden zentralen Fragen – dem Zugang zu digitalen Lernmethoden und -mitteln sowie der sozialen Durchlässigkeit – haben die deutschen Schulen sogar weiter den Anschluss verloren. Die Coronakrise hat diese Misere verdeutlicht. Der real existierende Bildungsföderalismus ist überfordert. In der Phase der Schulschließungen sind dafür Lehrkräfte und Schülerschaft näher zusammengerückt und haben gemeinsam Neues ausprobiert. Dabei ist eine enorme Experimentierfreudigkeit entstanden, die Mut für die Zukunft macht. So günstig war der Zeitpunkt für einen Neustart in der Bildungspolitik seit langem nicht. Es gilt, diesen Moment zu nutzen für einen mehrfachen Aufbruch: digital, freiheitlich, sozial, demokratisch, pädagogisch und föderal.

Es macht wenig Sinn, wenn jedes Bundesland seine eigene Lehreraus- und Weiterbildung macht oder seine eigene Digitalisierungsplattform entwickelt. Mit 16 unterschiedlichen Lösungen verschwenden wir hier zu viel Geld und Ressourcen. Das ist nicht zukunftsfähig.
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Dagmar Wolf, Robert Bosch Stiftung

Der digitale Aufbruch: Lernen für alle!

Entscheidend ist die Schulleitung. Sie ist der pädagogische Motor der Schule. Schulen sollten ein eigenes Profil entwickeln, eigene Schwerpunkte setzen und jeden Schüler so fördern, dass er sein Potenzial entwickeln kann. Schulen sollten zudem ihre Lehrkräfte selbst aussuchen, einsetzen und weiterentwickeln können.
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Donate Kluxen-Pyta, BDA

Deutschland hat bei der Digitalisierung seiner Schulen ein Jahrzehnt verloren. Dabei hat die Kultusministerkonferenz (KMK) mit der Digitalstrategie „Bildung in der digitalen Welt“ 2016 sich zum Ziel gesetzt, bis 2021 auch in Deutschland eine digitale Lernumgebung zu schaffen. PISA-Sieger wie Südkorea, Estland und Finnland haben die Potenziale der Digitalisierung früher und schneller erkannt. Die Umsetzung des DigitalPakts aus dem Jahr 2019 läuft bislang nur schleppend. So wurden bis März 2020 erst rund 150 Millionen Euro von den beschlossenen 5,5 Milliarden Euro bundesweit bewilligt.⁴⁴ Konzepte und ausreichend Zeitbudgets für die Fort- und Weiterbildung der Lehrkräfte fehlen weitgehend. Die digitale Ausbildung ist an den Hochschulen nicht verpflichtend. Im internationalen Vergleich steht deutschen Lehrkräften zu wenig Zeit zur Verfügung, um sich auf den Unterricht mit digitalen Angeboten vorzubereiten. Die Coronakrise und die damit einhergehenden Schulschließungen haben den Rückstand der deutschen Schulen bei der digitalen Ausstattung offenbart. Nur wenige Schulen wussten, wie sie digitalen Unterricht gestalten können. In Finnland dagegen sind alle Schulen verpflichtet, digitale Mittel zu verwenden und werden dabei finanziell unterstützt. In der Coronakrise stellten die Verlage in Finnland kostenfrei alle Bücher und Lernmittel im Netz zur Verfügung. Der digitale Aufbruch beginnt mit der Umsetzung und Weiterentwicklung des „DigitalPakt Schule“. Der Pakt, den Bund und Länder 2019 nach jahrelangen Diskussionen ins Leben riefen, muss zum Startschuss einer neuen Bildungszeit werden. Die beschlossenen 5,5 Milliarden können nur eine Anschubfinanzierung sein. Weitere Milliarden müssen folgen, wenn der Pakt ein Erfolg werden soll. Die Ausstattung der Schulen mit digitalen Medien und Computern, die Weiterbildung der Lehrerinnen und Lehrer sowie die Ausrichtung des Unterrichts auf die zukünftigen Anforderungen müssen im Mittelpunkt der Anstrengungen stehen. Die pädagogischen Konzepte kommen bislang selten in staatlichen Schulen zum Einsatz und werden vor allem in privaten und gemeinnützigen Initiativen und Bildungsangeboten wie der Open Knowledge Foundation oder „Jugend hackt“ angeboten. Dazu gehört auch der verstärkte Einsatz digitaler Inhalte wie von Videospielen. Deutschland ist ein erfolgreicher Standort für Spielhersteller. Die Entwicklung qualitativ hochwertiger Lernspiele gehört auf die digitale Agenda der nächsten Jahre. Digitalisierung ist mehr als nur das Bereitstellen von Infrastruktur und Devices, sondern muss auch die Weiterbildung und Schulung von Lehrkräften berücksichtigen. Weiterbildung muss sich individuell an Wissensstand und Bedürfnisse anpassen: Softskills oder praktische Wissensvermittlung, Learning-on-demand-Angebote oder persönliches Coaching. Schulen müssen in ihren Weiterbildungsstrategien darauf achten, was ihre Lehrkräfte wirklich benötigen. Niedrigschwellige Angebote sind bspw. Webinare. Die Lehrkräfte sollten aber selbst entscheiden können, wann sie welches Angebot nutzen wollen. So können die Lehrenden eigenständig digitale Konzepte wie den Flipped Classroom umsetzen und den Schülern und Schülerinnen helfend und beratend zur Seite stehen. Das Stundendeputat der Lehrkräfte für Unterricht sollte reduziert werden, im Gegenzug das für Weiterbildung steigen. Die Ausbildung von Lehramtsstudierenden sollte zudem stärker an den Schulen selbst stattfinden. Schulen und Lehrkräfte sollten regelmäßig Verabredungen zu überprüfbaren Lernzielen schließen. Das können fachliche Ziele sein aber auch darüber hinaus gehende Ziele wie Sprachkurse und Change-Management. Im OECD-Vergleich gehört Deutschland zur Schlussgruppe beim Lernen mit Hilfe digitaler Medien. In zehn Jahren sollten möglichst alle Schulen digitale Lernplattformen für den Unterricht nutzen. Erfolgreiche Beispiele müssen allen Schulen im Bundesgebiet zur Verfügung gestellt werden. Eine offene Datenbank fasst erfolgreiche Umsetzungen an Schulen zusammen und stellt diese für andere Schulen bereit, sodass ein effektives beispielbasiertes Lernen für alle erfolgen kann.

Die Nachfrage nach Weiterbildung ist bei unseren Workshops sehr hoch. Die Teilnehmer machen das „on top“ und außerhalb ihrer Schulzeit.
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Astrid Aupperle, Microsoft

Die Schulen brauchen mehr Selbständigkeit und Autonomie, um die jeweiligen Ziele – die Vermittlung der zentralen Kompetenzen - am besten zu erreichen.
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Ludger Wößmann, ifo Institut

Der freiheitliche Aufbruch: Mehr Autonomie wagen!

Die beschriebenen Defizite in den Schulen lassen sich auch als Staatsversagen beschreiben. Aus der öffentlichen Verantwortung des Staates für ein durchlässiges und exzellentes Schulsystem folgt nicht, dass der Staat auch der beste Produzent des Gutes Bildung ist. Mehr Markt und Wettbewerb bei der „Produktion“ von Bildungsgütern haben positive Auswirkungen. Zukunftsfähige Schulen brauchen Autonomie und Selbstständigkeit. Die Schulen müssen über Budgets verfügen, die es ihnen erlauben, autonom Entscheidungen über zusätzliches Personal, Ausstattung, Unterrichtsgestaltung und schulische Angebote sowie Klassengrößen zu treffen. Für autonome und selbstständige Schulen sprechen eine Reihe von Argumenten⁴⁵: Schülerleistungen sind grundsätzlich besser in Schulen mit Autonomie bei Lehrinhalten, Ressourcenausstattung und Lehrergehältern; die Leistungsunterschiede zwischen Kindern mit unterschiedlichen familiären Hintergründen sind geringer in Ländern, in denen mehr Schulen in nichtstaatlicher Trägerschaft geleitet werden. Außerdem kommen autonome Schulen vor allem sozial benachteiligten Kindern zugute.⁴⁶ Schulträgerschaften sollten daher über öffentliche oder privatrechtliche Stiftungen bzw. gemeinnützige Organisationsstrukturen geregelt werden. Der Wettbewerb zwischen den Trägern ist die Voraussetzung für Innovationen und neue Wege. Alle Schulformen sollten gleichbehandelt und staatlich finanziert werden. Die Kosten pro Schüler werden vollständig durch öffentliche Mittel gedeckt, sodass kein Schulgeld mehr erhoben werden muss. Die Gewährleistung der Chancengleichheit würde sich dadurch erheblich verbessern. Bundesweit einheitliche Standards und zentrale Prüfungen gewährleisten die Vergleichbarkeit der Abschlüsse (siehe unten: „Der föderale Aufbruch“).

Das Bildungssystem wird immer ein Tanker bleiben, die Zivilgesellschaft sind die Schnellboote, die neue Möglichkeiten scouten und testen können und dann Angebote zur Umsetzung machen. Wir müssen die Kommunikation zwischen den Schnellbooten und dem Tanker sicherstellen und vertiefen, sodass Piloten möglich werden, von denen wir lernen können.
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Johanna Börsch-Supan, Vodafone Stiftung

Sozial- und Bildungspolitik müssen stärker zusammen gedacht werden. Die Trennung zwischen inneren und äußeren Schulangelegenheiten erweist sich da als nicht mehr zeitgemäß.
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Dirk Zorn, Bertelsmann-Stiftung

Der soziale Aufbruch: Freiheit von Angst und Abstieg

Auch Kitas haben einen Bildungsauftrag. Statt einen Antrag auf Kitabesuch zu stellen, sollte jedes Kind automatisch einen Platz bekommen und die Eltern müssen einen Antrag stellen, wenn sie ihr Kind nicht in die Kita schicken wollen („opt out“).
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Ludger Wößmann, ifo Institut

Der Unterrichtsrückstand aufgrund der Schulschließungen in der Coronakrise ist enorm. Vom Lernen zu Hause konnten vor allem die Kinder weniger gut profitieren, die aus sogenannten bildungsfernen und sozial weniger starken Familien kommen. Bildungsökonomen warnen davor, dass die Leistungsschere zwischen diesen Kindern und Kindern aus eher bildungsnahen Elternhäusern durch die Schulschließungen weiter aufgeht.⁴⁷ Schnelle und wirksame Maßnahmen sind „Sommerschulen“, die sich nicht nur, aber vor allem an Kinder aus einkommensschwachen und neu zugewanderten Familien richten sollten. Die Angebote sollten über die Ferien hinaus als digitale und kostenfreie Förderangebote verstetigt werden. Ziel einer guten Schule ist eine Orientierung an den Interessen und Bedürfnissen der Lernenden. Dabei sollte die Hinführung zum selbstständigen Lernen im Fokus stehen. Der soziale Aufbruch betrifft insbesondere die Ziele Integration und Gemeinschaft. Vor allem in schwierigen Umgebungen (beispielsweise soziale Brennpunkte in Großstädten) haben Schulen die Chance, einen gemeinsamen Sozialraum für die Kinder und Jugendlichen zu eröffnen. Die Zusammenarbeit mit Stadtteilzentren oder umfangreiche Nachmittagsangebote in Kooperation mit Partnern geben Schülerinnen und Schülern Raum zur Entfaltung, in dem sie sich weiterentwickeln und sicher fühlen können. Um dies zu unterstützen, muss mehr Wert darauf gelegt werden, an Probleme optimistisch heranzugehen und Räume für Reflexion und Austausch zu schaffen – zwischen Schülerinnen und Schülern, aber auch mit Lehrkräften und Eltern. An Grundschulen in sozial schwierigen Umfeldern müssen zusätzliche, flexibel einsetzbare und an den Bedarfen der Einrichtungen orientierte Ressourcen vorhanden sein, die auch den passgenauen Einsatz von Expertinnen und Experten aus den Bereichen Sprachförderung, Inklusion, Schulsozialarbeit und Schulpsychologie sowie eine Intensivierung der Elternarbeit ermöglichen. Damit Brennpunktschulen vor Ort schnell und effektiv reagieren können, brauchen sie zusätzliche Mittel. Die Finanzierung sollte daher nach einem Sozialindex differenziert werden: Für Kinder aus weniger gut situierten Haushalten bekommen Schulen mehr Förderung. Für den späteren Bildungserfolg hat die frühe und gemeinsame Bildung enorme Auswirkungen. Es geht um den Übergang von Kita und Grundschule und ein längeres gemeinsames Lernen.

Die Sprachförderung als Schlüssel muss über die Kita hinaus fortgesetzt werden. Die Schule muss mehr als früher berücksichtigen, was die Kinder an Lernvoraussetzungen mitbringen, was sie für ihre Zukunft brauchen und wie sich beides verbinden lässt.
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Donate Kluxen-Pyta, BDA

Individuelle Förderung plus Leistungsdifferenzierung

Gemeinschaftsschulen gehören nicht zufällig zu den in Kapitel 2 genannten Pionieren einer neuen Schulepoche. Vor über 100 Jahren wurde die „gemeinsame Grundschule“ zum ersten Mal in der Weimarer Reichsverfassung erwähnt. Sie sollte die Gräben zwischen den sozialen Klassen überbrücken. Schulen des Zusammenlebens jenseits des Grundschulalters sind Gemeinschaftsschulen. Für ein längeres gemeinsames Lernen spricht die wissenschaftliche Evidenz. Länder wie Deutschland und Österreich, die ihre Kinder im 10., 11. oder 12. Lebensjahr auf die Schulformen eines gegliederten Schulsystems verteilen, liegen in der sozialen Auslese über dem OECD-Durchschnitt. Das heißt, die soziale Benachteiligung greift stärker, je früher Schülerinnen und Schüler auf die verschiedenen Schulformen eines gegliederten Systems verteilt werden.⁴⁸ Zum Motor eines sozialen Bildungsaufbruchs werden „Aufstiegsschulen“, welche die individuelle Förderung mit einer Leistungsdifferenzierung verbinden. Ihr Ziel ist die Förderung des sozialen Zusammenhalts und die individuelle Entwicklung von leistungsschwachen wie von leistungsstarken Schülern möglichst unter einem Dach. Theoretische und praktische Bildung werden durch Praktika, den Besuch von Jobmessen und Kontakte in die Berufs- und Unternehmenswelt verknüpft und gefördert. Jede Schülerin und jeder Schüler bekommt das Recht auf Finanzierung eines Auslandsaufenthalts in der Sekundarstufe.

Projektbasiertes Arbeiten und Lernen verbindet theoretisches Wissen mit praktischer Anwendung und stellt sich lebensnahen Herausforderungen. Dadurch lernen die Schülerinnen und Schüler Selbstwirksamkeit.
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Johanna Börsch-Supan, Vodafone Stiftung

Wir brauchen Modelle für den richtigen Umgang mit sozialen Herausforderungen. Die Nachfrage nach Handlungsmöglichkeiten, nach Modellen und Konzepten nimmt zu und zwar aus allen Bundesländern, selbst aus solchen, welche das Thema „Schulen in kritischer Lage“ bis vor kurzem noch negiert haben.
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Dagmar Wolf, Robert Bosch Stiftung

Der demokratische Aufbruch Freiheit zur Teilhabe

Der demokratische Aufbruch umfasst ein Fundament an politischem und zivilgesellschaftlichem Wissen, demokratischen Werten, Vertrauen gegenüber staatlichen Institutionen und ihren Vertretern, politische Selbstwirksamkeit, die Fähigkeit, Werturteile zu treffen sowie die Motivation und Bereitschaft, selbst politische und/oder soziale Verantwortung zu übernehmen. Selbstwirksamkeit macht einen freien Menschen aus und motiviert junge Menschen dazu, Verantwortung zu übernehmen. In einer zunehmend heterogenen und pluralistischen Gesellschaft wird die Notwendigkeit, junge Menschen zu verantwortungsvollen Bürgerinnen und Bürgern heranzubilden, größer. Die Bildung zu demokratischer und bürgerschaftlicher Kompetenz muss zum Schul- und fächerübergreifenden Prinzip und zum festen Bestandteil des Schulprofils sowie der Schul- und Unterrichtsentwicklung werden. Dazu gehört auch die Erfahrung demokratischer Mitwirkung, etwa in Form von analogen und digitalen Zukunftswerkstätten, in denen die Kinder lernen ihre Umgebung kreativ zu gestalten. Im Fokus steht dabei das lernende Handeln und nicht die bloße Rezeption von Inhalten. Ziel ist die Etablierung positiver, wertschätzender sozialer Beziehungen zwischen Lehrkräften und Schülerschaft und eines systematischen Monitorings.

Der pädagogische Aufbruch: Verantwortung übernehmen und teilen

Der pädagogische Aufbruch betrifft Lernen, Selbstwirksamkeit durch Übernahme von Verantwortung und ein neues Leitbild für die Lehrkräfte. Persönlichkeitsentwicklung muss zum Bestandteil von Bildung werden. Es geht um die Vermittlung auch von überfachlichen Kompetenzen. Wohlbefinden und Motivation, Beteiligung und Selbstwirksamkeit oder auch die Fähigkeit zum Umgang mit Stress müssen als Lernziele eine größere Rolle einnehmen.

Kognitive und fachliche Kompetenzen, emotionale und soziale Entwicklung, Werte und Haltung gehören zusammen.
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Dirk Zorn, Bertelsmann-Stiftung

Es braucht deutlich mehr Einigkeit und Kooperation zwischen den Kultusministern, etwa in Form eines Staatsvertrags. Die Länder haben auch eine gesamtstaatliche Verantwortung, die sie besser wahrnehmen müssen.
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Donate Kluxen-Pyta, BDA

Die Zukunft gehört offenen Lernräumen statt starren Klassenverbänden. Offene Lernräume und flexible Raumkonzepte bieten auf die Bedürfnisse zugeschnittene Orte, an denen in Stillarbeit gelernt, gemeinsam experimentiert und gearbeitet oder sich entspannt werden kann. Fächerübergreifender Unterricht, der Schülerinnen und Schüler schon früh dazu auffordert, interdisziplinär zu denken und Herausforderungen kreativ anzugehen, ist ebenfalls ein Konzept der Zukunft. Lehrkräfte müssen Verantwortung an Schülerinnen und Schüler abgeben: Selbstkontrolle und Selbstorganisation sind Fähigkeiten, die Kinder und Jugendliche unbedingt schon in der Schule erlernen sollten. Dabei helfen Logbücher, in denen Schülerinnen und Schüler ihre persönlichen Lernfortschritte festhalten und selbst entscheiden können, was sie in welcher Geschwindigkeit erlernen wollen. Den eigenen Fortschritt festhalten zu können, trägt auch zu größerer Motivation der Kinder und Jugendlichen bei. Die Lehrkraft entwickelt sich zum Coach: Bildung ist nicht nur Wissensvermittlung, sondern genauso auch die Vermittlung von sozialen und zwischenmenschlichen Kompetenzen sowie Selbsteinschätzung und Reflexionsfähigkeit. Mentoren und Tutoren können sich individuell auf die Schülerinnen einstellen und ihnen je nach Bedarf konkret helfen. Hier bieten Digitalisierung und Künstliche Intelligenz neue Möglichkeiten und Chancen. Über Plattformen und Netzwerke werden Schülerinnen und Schüler digital zu Mentoren ausgebildet und helfen Jüngeren bei Fragen und Problemen.⁴⁹ In den nächsten Jahren kommt es vor allem auf die Schulleitungen als Akteur an – als Manager der Krise wie Gestaltern der „neuen Normalität“. In Anbetracht der Altersverteilung von Schulleiterinnen und Schulleitern und der anstehenden Pensionierungswelle braucht es eine Offensive bei den Schulleitungen. Schulleitungen sind Führungskräfte ohne Ausbildung. Ein Qualifizierungsprogramm für Schulleitungen muss das Wissen darüber umfassen, wie Schulleitungen qualitätsvoll führen, was Schulleitungen wirksam macht und wohin sich eine gelingende und zukunftsorientierte Schule entwickeln soll. Ein Zusammenschluss der Schulleitungen in einem Netzwerk würde Schulleitung als Profession stärken.

16 verschiedene Schulsysteme sind nicht mehr zeitgemäß.
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Ludger Wößmann

Der föderale Aufbruch: Mehr Kooperation wagen!

„Schule 2030“ soll digitaler, vernetzter und individueller sein.
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Jacob Chammon, Forum Bildung Digitalisierung

Der real existierende Föderalismus hat zu einem Flickenteppich auf dem Gebiet der Bildung geführt. Der föderale Aufbruch setzt auf mehr Kooperationen zwischen Bund und Ländern sowie Wirtschaft und Zivilgesellschaft und auf gleichwertige Lebensverhältnisse im Bundesstaat. Einheitliche und vergleichbare Bildungsstandards sollten für alle Bundesländer gelten. Der deutsche Bildungsföderalismus braucht beides: Leistung und Gleichwertigkeit. Das „Kooperationsverbot“ sollte daher durch ein „Kooperationsgebot“ ersetzt werden. Ein Staatsvertrag zwischen den Bundesländern definiert die bundesweit wichtigsten Bildungsziele und Qualitätsanforderungen. Bund und Länder arbeiten in zentralen Bildungsfragen dauerhaft und nachhaltig zusammen. Ziel ist dabei eine Aufwertung der Kommunen. Schule kann im ländlichen Raum nicht nur für sich selbst gedacht werden, sie ist für das gesamte Umfeld äußerst wichtig. Um auch künftig sicherzustellen, dass Schulen im ländlichen Raum erhalten werden können und ihre Standorte nicht an sozialer Attraktivität verlieren, braucht es kreative Lösungen, die zum Beispiel auch kleinere Klassen erlauben. Pro Schule soll ein Angebot für alle Altersstufen der Primarstufe aufrechterhalten werden, bei dem auch zwei Stufen altersübergreifend unterrichtet werden können. Zudem müssen sehr kleine Schulen in Netzwerke mit anderen Schulen eingebunden sein, um durch eine schulübergreifende Zuständigkeit von Lehrkräften ein möglichst großes Angebot und eine hohe Qualität des Unterrichts zu gewährleisten. Es gibt viele Modelle, wie Schulen im ländlichen Raum kooperieren oder zusammengelegt werden können. So hat Bayern die Mittelschule entwickelt, die Bildungsgänge zum Haupt- und Realschulabschluss verbindet. Eine mögliche schulorganisatorische Lösung für zurückgehende Schülerzahlen in ländlichen Gegenden ist das Modell der „kleinen Grundschulen“ („Zwergschulen“ oder „Kleinschulen“. Die Mindestschüleranzahl variiert je nach Region in Deutschland. Auch beim Ausbau und der Stärkung der Berufsorientierung geht es um Kooperationen. Schule darf nicht mehr als abgeschlossener Raum gesehen werden, sondern muss als Teil eines Ökosystems begriffen werden. So sind Kooperationen mit umliegenden Betrieben und Organisationen hilfreich, um vielfältige Verbindungen zu knüpfen. Genauso sollte mehr Fokus auf Berufsorientierung auch in der Schule gelegt werden, um Kinder und Jugendliche optimal auf das Berufsleben vorzubereiten und sie beim Finden und Weiterentwickeln ihrer Passionen und Kompetenzen bestmöglich zu begleiten. In Regionen mit geringer Auslastung von Schulen und drohenden Schulschließungen müssen erweiterte Bildungszentren gefördert werden. Schulgebäude können auch durch Kindergärten sowie für die Bereitstellung weiterer Angebote im Bereich Erwachsenenbildung oder als Bibliotheken genutzt werden. Beim Übergangsmanagement kommt es entscheidend auf die Kommunen an. Wichtig ist auch der Erhalt von Berufsschulstandorten, um die Attraktivität der Region für Ausbildungsplätze und Arbeitgeber zu bewahren. Die Attraktivität von Schulstandorten hängt maßgeblich auch von der Qualität der Infrastruktur ab (schnelles Internet und leistungsfähiger ÖPNV).

Für die Unternehmen in Deutschland sind bundesweite Bildungsziele und Standards wichtig, die verbindlich und einheitlich umgesetzt werden. Nur so können Betriebe Leistungsanforderungen und Abschlüsse sinnvoll miteinander vergleichen.
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Ulrike Friedrich, DIHK

Die Rolle der Kommunen und das Zusammenspiel zwischen Bundesländern und ihren Kommunen ist entscheidend. Bei Ganztag, Digitalisierung und Inklusion geht die kommunale Zuständigkeit weit über die Bereitstellung schulischer Räume hinaus.
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Dirk Zorn, Bertelsmann-Stiftung

Was es braucht, sind klare Rahmensetzung und Zielvorgaben, sich nicht mit weniger zufrieden zu geben.
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Ludger Wößmann

Die Schule der Zukunft stellt den Lernenden in den Mittelpunkt. Die Herausforderungen werden über Fachgrenzen hinweg bearbeitet. Die Schüler verfügen über die notwendigen Kompetenzen, sich eigene Lösungswege zu erarbeiten und sich Wissen anzueignen. Die Lehrerinnen und Lehrer verstehen sich dabei als Moderatoren und Begleiter eines zunehmend selbstständigen Lernens.
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Dagmar Wolf, Robert Bosch Stiftung

Fazit: Beste Bildung für Alle

„Beste Bildung für Alle“ muss der Anspruch der deutschen Schulpolitik in den nächsten Jahren sein. Diesem Mindset müssen die Maßnahmen folgen. Es geht um das gemeinsame Verbessern, Improvisieren und um kreatives, erfolgreiches Scheitern. Die nächste Generation von Schulen und Schülern braucht Wissen und Werkzeuge, um ihr Lernen und Leben selbst in die Hand zu nehmen. „Bildung für alle“ und „personalisiertes Lernen für jeden Einzelnen“ sind kein Widerspruch. In den Schulen der Zukunft werden Lehrer zu Anleitern und Coaches, Klassenzimmer zu Workshops und Schulen zu Kreativ-Laboren. Die Schule der Zukunft ist ein Ort für ganzheitliche Bildung. Aus dem Unterrichten von Fächern wird das Lernen in Teams.