Kapitel 1: Megatrends

und ihre Auswirkungen auf das Schulsystem

Kapitel 1: Megatrends

und ihre Auswirkungen auf das Schulsystem

1. Konnektivität Vernetztes Lernen

2. Urbanisierung Jenseits von Stadt und Land

3. Individualisierung und Globalisierung Vielfalt und Integration

4. New Work Die Arbeitswelt wird digitaler, diverser und inklusiver

5. Fazit Neues Lernen für die Zukunft

1. Konnektivität Vernetztes Lernen

2. Urbanisierung Jenseits von Stadt und Land

3. Individualisierung und Globalisierung Vielfalt und Integration

4. New Work Die Arbeitswelt wird digitaler, diverser und inklusiver

5. Fazit Neues Lernen für die Zukunft

Globale Trends wie Digitalisierung, Globalisierung, Urbanisierung, demografischer Wandel und Klimawandel verändern in zunehmender Geschwindigkeit Märkte, Geschäftsmodelle und Gesellschaft.
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Helge Forster, Siemens Energy

Bis zur Corona-Krise dominierte bei vielen Schulen Zurückhaltung bezüglich digitaler Bildung. Die durch COVID-19 bedingten Schulschließungen haben es nun notwendig werden lassen, in Sachen digitale Bildung aktiv zu werden. Hierdurch sehen vielen Schulen auch erstmalig die Vorteile von digitalen Formaten, wie bspw. zeitliche Flexibilität und Arbeitsersparnis für die Lehrkräfte. Viele Schulen werden auch zukünftig einige dieser digitalen Angebote ergänzend zum Präsenzunterricht beibehalten. Die Corona-Krise wirkt hier als Katalysator für die Digitalisierung im deutschen Schulsystem.
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Johannes Graßmann, Google

Die Schulen – sowohl der Primar- als auch der Sekundarstufe - werden in den nächsten Jahren insbesondere von den Megatrends Konnektivität, Urbanisierung, Globalisierung und New Work herausgefordert. Megatrends besitzen vier Eigenschaften: Sie haben eine Dauer von mehreren Jahrzehnten, sind allgegenwärtig, das heißt, sie zeigen Auswirkungen in sämtlichen Lebensbereichen, sie sind global und komplex, das heißt sie erzeugen ihre Dynamik und ihren evolutionären Druck auch durch ihre Wechselwirkungen.⁹ Die Megatrends stehen nicht singulär nebeneinander, sondern bedingen sich gegenseitig, erzeugen Wechselwirkungen und haben Schnittmengen, aus denen sich wiederum (zum Teil) gemeinsame Herausforderungen ergeben.

1. Konnektivität Vernetztes Lernen

Der Stadt-Land-Unterschied in der klassischen Form ist weitestgehend ein Mythos.
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Ludger Wößmann, ifo Institut

Konnektivität ist mehr als nur die umfassende Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft. Neben der Versorgung mit schnellem Internet (5G) und der Vernetzung von Smartphones, Computern und Industrie geht es vor allem um die wachsenden Bedürfnisse einer vernetzten Gesellschaft. Lernen wird sich im Zuge der zunehmenden Digitalisierung unserer Gesellschaft verändern. Kinder, die heute in die Schule gehen, sind Digital Natives, werden also mit Computer, Handy und Tablet groß. Angesichts der Tatsache, dass fast 100 Prozent aller Jugendlichen heute online sind ¹⁰, muss Schule in Zukunft das vermitteln, was Maschinen nicht können: Kreativität, soziales Handeln, kritisches Denken, gemeinsame Werte und Kooperationsfähigkeit. Arbeitsmarkt- und Bildungsexperten sprechen diesbezüglich von den „21st-Century-Skills“ (vgl. Kapitel 2). Die digitale Frage ist damit auch eine soziale. Denn Kinder aus Elternhäusern, die mit den digitalen Technologien und klassischen Bildungsangeboten vertraut sind, haben einen enormen Vorteil gegenüber Kindern aus Familien, die ihre digitalen Endgeräte allein für Computerspiele und zur Unterhaltung nutzen. Erziehung zur medialen Selbstkompetenz Das übergeordnete Ziel von digitaler Bildung muss daher sein, Jugendliche zur (medialen) Selbstkompetenz zu erziehen. Dass wir davon weit entfernt sind, zeigen Umfragen aus der Zeit vor der Corona-Krise. Nicht einmal jeder Vierte bewertet die digitale Bildung an Schulen in Deutschland als gut oder sehr gut. Ein gutes Drittel ist der Meinung, die deutschen Schulen bieten eine schlechte oder sehr schlechte digitale Bildung. Damit steht Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern wie Indien, China und den USA sehr viel schlechter da.¹¹ Die umfangreiche neue ICILS-Studie, die seit 2013 die digitalen Kompetenzen von Achtklässlern testet, hat die Defizite bei der digitalen Bildung deutlich gemacht. Fast jeder Fünfte (18 Prozent) gehört zur Gruppe der „digitalen Analphabeten“ und erreicht nicht einmal die niedrigste Fähigkeitsstufe. Das heißt, diese Schülerinnen und Schüler verfügen nur über „rudimentäre, vorwiegend rezeptive Fertigkeiten und sehr einfache Anwendungskompetenzen“ wie zum Beispiel das Anklicken eines Links.¹² Deutschland landete bei der jüngsten Untersuchung erneut im Mittelfeld. Der Bedarf an digitaler Bildung wird in den nächsten Jahren zunehmen. Voraussetzung ist die Ausstattung der Schulen mit WLAN. Nur jede vierte Schule verfügt über einen funktionierenden Internetzugang, international sind es 64 Prozent, im Spitzenland Dänemark sogar 100 Prozent.¹³ In Deutschland kommen auf einen Computer pro Schulraum zehn Schüler. Und während in Dänemark 90 Prozent der Kinder ihr eigenes Gerät im Unterricht benutzen dürfen, sind es in Deutschland lediglich 15 Prozent. Auch bei der Ausstattung der Lehrkräfte hinkt Deutschland hinterher. Nur vier Prozent der Lehrerinnen und Lehrer werden in Deutschland mit digitalen Medien und Geräten versorgt. International liegt der Wert bei 24, in Dänemark bei 91 Prozent. Dort bekommt jeder Lehrer regelmäßig einen neuen Laptop oder ein neues iPad gestellt.¹⁴ Die unterschiedliche Ausstattung und der Umgang mit digitalen Werkzeugen und Geräten führt zu Unterschieden im Hinblick auf die digitalen Kompetenzen von Kindern. Schüler ohne Migrationshintergrund und aus bildungsstarken Familien verfügen über höhere digitale Kompetenzen im Vergleich zu Kindern mit einem Migrationshintergrund und aus bildungsschwachen Familien.¹⁵ In der Corona-Krise wurde der Rückstand für alle deutlich. Während zwei Drittel der Lehrkräfte Aufgaben per E-Mail verschickten, nutzten nur 25 Prozent eine Lernplattform.¹⁶ Nur jeder dritten Lehrkraft gelang es, zu allen Schülerinnen und Schülern Kontakt zu halten. Besonders betroffen waren die Grundschulen: nur jede fünfte Lehrkraft gab an, vor den Schulschließungen im März 2020 mit digitalen Lernangeboten „recht weit“ fortgeschritten zu sein, an Gymnasien war dies zumindest fast die Hälfte.¹⁷ Es braucht in allen Bundesländern Konzepte, um die Rückstände, insbesondere bei Kindern aus bildungsfernen Haushalten, aufzuholen. Der DigitalPakt Schule, mit dem Bund und Länder für eine bessere Ausstattung der Schulen mit digitaler Technik sorgen wollen, ist zwar ein wichtiger Schritt hin zu einer Besserung. Die vorgesehenen Investitionen – insgesamt fünf Milliarden Euro in einem Zeitraum von fünf Jahren¹⁸ – werden aber das Problem nicht lösen, da sie ausschließlich für die technische Ausstattung, nicht aber für Personal und Weiterbildung vorgesehen sind. Innovative Lern- und Unterrichtskonzepte, welche die Neugier der Schülerinnen und Schüler wecken und wichtige Kompetenzen fördern, fehlen ebenfalls weitgehend. Zwei Drittel der Lehrer und Schüler sehen Verbesserungsbedarf bei der digitalen Medienausstattung von Schulen. 89 Prozent des Lehrpersonals und 82 Prozent der Schülerschaft wünschen sich eine stärkere Vermittlung digitaler Kompetenzen an den Schulen. Drei von vier Schülerinnen und Schülern sprechen sich für Informatik als Pflichtfach aus.¹⁹ Nachholbedarf haben die deutschen Schulen auch bei den MINT-Fächern. Seit 2012 sinken die Leistungen der 15-Jährigen in diesen Fächern. Jeder Fünfte (20 Prozent) gehört zur Risikogruppe, die unzureichend vorbereitet ist für eine Ausbildung.²⁰ Der Anteil der Leistungsschwachen bei computer- und informationsbezogenen Kompetenzen ist von 29 in 2013 auf 33 Prozent in 2019 gestiegen.²¹ Das Denken in vernetzten Zusammenhängen wird in Zukunft den Unterricht bestimmen: Aus der Trennung von Fächern wird fächerübergreifendes Lernen, das Lernen wird individualisiert und gleichzeitig teamorientierter. Die entscheidende Rolle spielt dabei nach wie vor die Lehrkraft, nur wird er vom Wissensvermittler vermehrt zum Lernbegleiter. Das erfordert aber auch attraktive Angebote der Weiterbildung für die Lehrkräfte. In den Lehramtsstudiengängen der 16 Bundesländer fehlen bislang verbindliche Regeln für den Umgang mit digitalen Medien. Künstliche Intelligenz fördert die individuelle Kompetenzentwicklung Noch ist das digitale Lernen zwar kaum erforscht, aber erste internationale Studien kommen zu einem erstaunlichen Zwischenergebnis: Das Lernen mit digitalen Medien erhöht die Motivation der Schüler.²² Die Microsoft-Studie „Abschlussjahrgang 2030“ kommt zu dem Ergebnis, dass 98 Prozent der Schülerinnen und Schüler bessere Leistungen erzielen, wenn sie individuelle Aufgaben erhalten.²³ Durch die Einbindung digitaler Instrumente lassen sich die Konzepte des personalisierten Lernens und gemeinsamen Arbeitens noch besser und leichter umsetzen. Ein konkretes Werkzeug und Schlüssel ist der digitale Schülerausweis. Er ermöglicht den Zugriff auf online verfügbare digitale Lernressourcen für alle 11 Millionen Schülerinnen und Schüler und soll 2025 zur Verfügung stehen.²⁴ Der digitale Schülerausweis kann zum Startpunkt der nächsten digitalen Stufe im Bildungswesen werden. Beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz betritt Deutschland auf diesem Gebiet weitgehend Neuland. Dabei wird es nicht um die Ersetzung von Lehrkräften durch Roboter gehen, sondern um die Assistenz durch KI-Systeme. Es geht um Innovationen, welche die individuelle Kompetenzentwicklung fördern. Ein Beispiel ist das intelligente Schulbuch, mit dessen Hilfe Schülerinnen und Schüler individuell gefördert und Lernen schneller und effizienter gestaltet werden können.

Es fehlt überall an guten Weiterbildungs- und Fortbildungsmaßnahmen, angefangen von den Lehrern über die Schulleitungen bis hin zur Verwaltung zum Beispiel auch dem schulpsychologischen Dienst.
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Jacob Chammon, Forum Bildung Digitalisierung

2. Urbanisierung Jenseits von Stadt und Land

Was früher das katholische Mädchen auf dem Land war, ist jetzt das männliche Migrantenkind in der Großstadt.
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Donate Kluxen-Pyta, BDA

In Deutschland lebt etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung auf dem Land.²⁵ Die Frage, wo die Stadt endet und das Land beginnt, ist nicht einfach zu beantworten. Vieles spricht dafür, dass die Grenzen zwischen Stadt und Land verschwimmen und eher ineinander übergehen. Folgen des demografischen Wandels sind unterschiedlich Die Forschung zu möglichen Auswirkungen der räumlichen Umgebung auf den Bildungserfolg junger Menschen in Deutschland hat bislang kaum Unterschiede zwischen eher städtischen und ländlichen Regionen gezeigt.²⁶ In Ostdeutschland sieht dies anders aus. In etlichen Landkreisen und kreisfreien Städten gibt es hier einen deutlichen Rückgang an Bildungseinrichtungen im schulischen Bereich und im Bereich der beruflichen Bildung.²⁷ Der Einfluss eines ländlichen Wohnumfeldes ist vor allem dann ungünstig, wenn es um die Wahrscheinlichkeit geht, ein Hochschulstudium aufzunehmen. Je weiter entfernt junge Menschen zur nächsten Hochschule aufwachsen, desto geringer ist ihre Studierneigung.²⁸ Auch die Auswirkungen der demografischen Entwicklung fallen in städtischen und ländlichen Räumen unterschiedlich aus. Für Grundschulen in ländlichen Regionen sind rückläufige Schülerzahlen eine große Herausforderung, für Grundschulen in städtischen Räumen bringen dagegen heterogene und wachsende Schülerschaften Schwierigkeiten mit sich. Auch die Erreichbarkeit von weiterführenden Schulen sowie die Ausstattung und Zusammensetzung der Lehrerkollegien sind auf dem Land ein größeres Problem als in Städten. Während viele Städte weiter wachsen und damit vor immer größeren Herausforderungen stehen, fürchten Kommunen in entlegenen Regionen, dass sie die öffentliche Infrastruktur, zu der auch Schulen und andere Bildungseinrichtungen gehören, in der bisherigen Form nicht aufrechterhalten können. Mit Blick auf die im Grundgesetz garantierte Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse stellen die genannten Unterschiede eine Reihe von herausfordernden Aufgaben dar. Diese betreffen vor allem den Erhalt und die Vernetzung von Grundschulen in dünn besiedelten Räumen sowie die stärkere Förderung von Schulen mit heterogenen Schülerschaften.

Das Thema „Schulen in kritischer Lage“ - Schulen am Rande ihrer Leistungsfähigkeit - wird deutlich zunehmen. Im städtischen Bereich hat das etwas mit der Zusammensetzung der Schüler zu tun. Teilweise leben hier 90 Prozent der Kinder bzw. ihrer Familien von staatlichen Transferleistungen. Im ländlichen Bereich kommen Schulen teilweise aus anderen Gründen an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit, weil sie weniger Schüler haben und dennoch ein Angebot vorhalten müssen, das divers genug ist, um allen Schülerinnen und Schülern gerecht zu werden.
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Dagmar Wolf, Robert Bosch Stiftung

3. Individualisierung und Globalisierung Vielfalt und Integration

Die Kluft zwischen den Schülern wächst: auf der einen Seite die sehr guten Schüler, auf der anderen Seite der gestiegene Anteil der Jugendlichen, deren Leistungen schwach sind.
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Donate Kluxen-Pyta, BDA

Der Umgang mit Heterogenität wird zur wahrscheinlich größten Herausforderung an Deutschlands Schulen. Der Anteil von Schülerinnen und Schülern mit eigener Migrationserfahrung steigt auch in Deutschland und beträgt heute knapp 40 Prozent.²⁹ Heterogene Klassenzimmer sind in den Ballungsgebieten die neue Normalität. Der Leistungsabstand zwischen jenen mit und ohne Migrationshintergrund ist schon heute zum Teil beträchtlich. Aber nicht nur die Einwanderung sorgt für neue Anforderungen im deutschen Bildungswesen, sondern auch die zunehmende soziale Spaltung in Deutschland selbst. Immer mehr Eltern meiden sogenannte Brennpunktschulen bzw. Schulen in kritischer Lage. Die Frage, wo und wie junge Menschen heute aufwachsen, entscheidet mehr über den Bildungserfolg und die weitere Entwicklung einer Bildungsbiografie als andere Faktoren. Sozioökonomische Faktoren sind somit zentral für den Verlauf von Bildungsbiografien. So haben Kinder, die in einem Umfeld mit einer kumulierten Arbeitslosen- und Sozialhilfequote unter 15,2 Prozent aufwachsen, eine höhere Lesekompetenz. Wenn dieser Anteil im eigenen Wohnquartier unter 10,3 Prozent liegt, haben sie zusätzlich auch eine höhere Mathematikkompetenz.³⁰ Eltern mit einem akademischen Hintergrund können ihre Kinder öfter bei Schulaufgaben unterstützen. Die anhaltende Entwicklung zu höherer Bildung ist ein weiterer Trend. Zwischen 2006 und 2016 stieg der Anteil der Übergänge von der Grundschule zum Gymnasium um 11 und der Anteil der Absolventen mit Abitur um 9 Prozent.³¹ Die Förderung von Bildungsgerechtigkeit macht einen institutionellen und qualitativen Ausbau der Ganztagsschulen notwendig. Durch das Konzept der Ganztagsschule kann besser gewährleistet werden, dass auch Kinder aus sozial schwachen Familien mit Eltern, die keinen höher qualifizierten Bildungsabschluss besitzen, die pädagogische Unterstützung erhalten, die sie benötigen. Der Auf- und Ausbau eines qualitativen Ganztagsangebots an Grundschulen gehört daher zu den prioritären Aufgaben der nächsten Jahre. Der Sockel von Geringqualifizierten mit und ohne Migrationshintergrund ist seit Jahrzehnten stabil. Bei Personen mit Migrationshintergrund liegt der Anteil, unabhängig vom Alter, bei 30 Prozent, bei Personen ohne Migrationshintergrund bei 10 Prozent.³² Hinzu kommen die anhaltenden Disparitäten zwischen den Leistungsschwächeren und Leistungsstärkeren, sowohl beim Zugang zu den verschiedenen Bildungseinrichtungen als auch bei den erworbenen Kompetenzen. Hat bspw. ein Elternteil einen Hochschulabschluss, studieren ungefähr 80 Prozent der Kinder; haben beide Eltern eine berufliche Ausbildung, sind es nur noch 24 Prozent.³³ Wenn ein chancengerechtes Bildungswesen das Ziel ist, braucht jedes Kind eine individuell angepasste Förderung. Schulen müssen darauf vorbereitet sein, mit der steigenden Heterogenität umzugehen. Digitale Medien können sie bei der nötigen Differenzierung des Unterrichts und der frühzeitigen Förderung über alle Begabungsstufen hinweg unterstützen, sie können aber auch zu einer weiteren Spaltung in Bildungsgewinner und -verlierer führen. Damit die soziale Herkunft der Schülerinnen und Schüler noch weniger über die individuellen Zukunftschancen entscheidet, muss der Zusammenhang zwischen sozio-emotionalen Fähigkeiten und dem Lernen stärker in den Fokus rücken. Faktoren wie intrinsische Motivation, die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und Stärkenorientierung sowie die Förderung von Selbstregulation werden bedeutender. Der gesellschaftliche Wandel, der anhand der beschriebenen Megatrends nachgezeichnet werden kann, stellt die Schulen vor neue Herausforderungen. Der Trend ist eine steigende „Flucht in die Privatschulen“. Seit 1992 ist deren Anteil um mehr als 80 Prozent gestiegen.³⁴ Der Bedarf an interkulturellen Kompetenzen, internationalen Perspektiven und Qualifikationsprofilen wächst. Lehrkräfte müssen mit der neuen Vielfalt in den Schulen umgehen können. Zur wachsenden Herausforderung wird die zunehmende gesellschaftliche Kluft. Die Schulen müssen sich auf eine neue Vielfalt und eine wachsende soziale Heterogenität einstellen. Darauf braucht es insbesondere zwei Antworten: die Verbindung von fachlichen und nicht-fachlichen Kompetenzen und die Stärkung von sozialem und demokratischem Engagement.

Heute kann keiner sagen, welche Berufsbilder in 20 Jahren nachgefragt werden. Der digitale Wandel und die Künstliche Intelligenz werden viele Tätigkeiten und Berufsbilder überflüssig machen. Wir müssen Kinder und Jugendliche darauf vorbereiten, dass sie zwischen 20 und 67 nicht die gleichen Tätigkeiten ausüben werden. Sie müssen vielmehr lernen, sich immer wieder anzupassen.
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Ludger Wößmann, ifo Institut

4. New Work Die Arbeitswelt wird digitaler, diverser und inklusiver

Rund 80 Prozent der Betriebe achten bereits heute auf die digitalen und IT-Kompetenzen ihrer angehenden Azubis. Dabei geht es nicht nur um technische, sondern auch um soziale und kommunikative Kompetenzen. So wird auch kollaboratives Arbeiten wichtiger.
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Ulrike Friedrich, DIHK

Die Digitalisierung wird auch die Arbeitswelt stark verändern und herausfordern. Leicht automatisierbare Tätigkeiten werden zunehmend von Maschinen übernommen. Die Bedeutung jener menschlichen Tätigkeiten, die nicht mechanisch-repetitiv, sondern kreativ und auf die Lösung komplexer Probleme ausgerichtet sind, steigt dagegen. Die Digitalisierung verändert die Aufgabenprofile fast aller Berufe. Berufsbilder verschwinden dabei nicht einfach, sondern nehmen meist eine neue Gestalt an. Auch deshalb sind Schätzungen des World Economic Forum (WEF) zufolge zwei Drittel der Berufe, die es im Jahr 2035 geben wird, heute noch unbekannt.³⁵ Handwerkliche Berufe verändern sich ebenfalls. Smarte Technologien finden zunehmend Einkehr in Ausbildung und Betriebsalltag. Die künftige Arbeitswelt wird neue Tätigkeiten mit sich bringen, die andere, anspruchsvollere Kompetenzen erfordern. Die Arbeitswelt von morgen folgt neuen Prinzipien. Sie wird diverser, digitaler und inklusiver sein. Dabei werden Kompetenzen wie Offenheit gegenüber anderen Kulturen und Weltanschauungen, Kreativität und Neugierde, emotionale Intelligenz und Empathie sowie die Fähigkeit zum Selbstlernen und gemeinsamen Lernen wichtiger. Das Konzept des „lebenslangen Lernens“ erfordert ein ständiges Re- und Upskilling und fordert die Schulen und ihre Träger zu innovativen Weiterbildungsangeboten heraus. Wichtiger werden jene Fähigkeiten und Fertigkeiten, die Innovationen erst ermöglichen und bis auf Weiteres nicht automatisierbar sind. Dazu gehört die Fähigkeit zur Analyse und Lösung komplexer Probleme, Team- und Kommunikationsfähigkeit sowie emotionale Intelligenz. Die zunehmende Flexibilisierung von Berufsbiografien geht einher mit neuen Grundqualifikationen wie Eigeninitiative, der Bereitschaft zu lebenslangem Lernen und sozialer Intelligenz.³⁶ Auch die OECD will in ihren kommenden Bildungsstudien jene Kompetenzen verstärkt in den Blick nehmen, auf die es in Zukunft vor allem ankommt: Kreativität, Entrepreneurship und Offenheit für Neues. Viele junge Menschen in Deutschland sind aber der alten Berufs- und Arbeitswelt stärker verbunden als der neuen. Ihre Berufswünsche haben sich in den letzten Jahren kaum verändert. So nennen 15-jährige Schülerinnen und Schüler auf die Frage, welchen Beruf sie mit 30 Jahren ausüben werden, überwiegend traditionelle Berufe.³⁷ Die Vorstellungskraft der Jugendlichen, was die Vielfalt der künftigen Arbeitswelt betrifft, ist offenbar begrenzt. Viele Berufswünsche sind nach einer aktuellen Studie der OECD kaum zukunftstauglich: Gut 45 Prozent der von den jungen Menschen genannten Berufe unterliegen dem Risiko, in den nächsten zehn bis 15 Jahren automatisiert zu werden.³⁸ Die Schülerinnen und Schüler wissen zu wenig über berufliche Perspektiven und Entwicklungsmöglichkeiten. Zur zentralen Herausforderung wird damit die Berufsorientierung.

Fähigkeiten zum kreativen Problemlösen und Soft Skills werden wichtiger, um sich in Communities zurecht zu finden und Netzwerke aufzubauen.
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Helge Forster, Siemens Energy

Im Rahmen der durch die Corona-Krise beschleunigten Digitalisierung des Schulsystems gilt es aber auch, einige Herausforderungen zu meistern. So sind etwa große Teile der Lehrkräfte in Deutschland nicht oder nur ungenügend im Umgang mit den relevanten digitalen Medien und konkreten Anwendungen geschult. Zum anderen muss auf Chancengleichheit bei den Schülern geachtet werden, da davon ausgegangen werden muss, dass nicht jeder Schüler Zugang zu einem geeigneten Computer hat, um die digitalen Lehrformate nutzen zu können.
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Johannes Graßmann, Google

Fazit Neues Lernen für die Zukunft

Bildung verändert sich im Zeitalter der Wissensexplosion. Bildung wird individueller, interaktiver und interdisziplinärer. „Ausbildung“ wird zur „Anschlussbildung“. Der rasante Zuwachs von neuem Wissen und Informationen macht es notwendig, immer wieder (neu) zu lernen. In Zukunft müssen Schülerinnen und Schüler nicht mehr „alles“ wissen, sondern lernen mit Wissen und Nichtwissen souverän umzugehen. Wo in der Industriegesellschaft sich der Mensch an die Maschine anpassen musste, werden in Zukunft, diejenigen gewinnen, die zunehmend intelligenter werdende Maschinen an sich anpassen können und die richtigen Fragen stellen. Die dreiteilige Biografie des industriellen Normalarbeitnehmers – Ausbildung, Erwerbsleben, Ruhestand – wird immer mehr zur Ausnahme. Das „neue Normal“ ist die Multigrafie aus verschiedenen Erwerbs-, Familien- und Bildungsphasen. Andere Fähigkeiten und Kompetenzen werden gefragt sein. Zur zentralen Herausforderung für junge Menschen werden vor allem drei Fähigkeiten: Kreativität, der Umgang mit Komplexität und kritisches Denken. Eine ganzheitlich gebildete Persönlichkeit ist die beste Voraussetzung, um auf dem Arbeitsmarkt in Zukunft bestehen zu können. Die Schulen der Zukunft vermitteln ihren Schülern Selbstwirksamkeitserfahrungen, die ihnen helfen, auch unter schwierigsten Umständen optimistisch zu bleiben. Das Humboldt’sche Bildungsideal einer ganzheitlichen Persönlichkeit erfährt im Zuge der beschriebenen Megatrends ein Revival. Die Bildung der Zukunft endet nicht mit dem „Ab-Schluss“ der Schule. Auf einem unberechenbaren Arbeitsmarkt und in einem von Brüchen und Neuanfängen geprägten Lebenslauf ist die permanente Weiterentwicklung von Kompetenzen die beste Versicherung gegen Absturz und Arbeitslosigkeit. „Lebenslanges Lernen“ ist für den leidenschaftlichen Neu-Gierigen der Schlüssel zu einem glücklichen Leben.