Einleitung

Der Corona-Schock und seine Folgen

Einleitung

Der Corona-Schock und seine Folgen

Die Kita- und Schulschließungen während der Corona-Pandemie haben erhebliche und längerfristige Folgen für deutsche Schulen. Für die Kitakinder bestehen diese in einer reduzierten Schulreife, für die Schülerinnen und Schüler in einer erhöhten Gefährdung ihrer Versetzung, einer Zunahme bei den Schulabbrüchen und geringeren Abschlussquoten bei der weiterführenden Bildung. Die durch die Schulausfälle bedingten Einbußen bei späteren Gehältern und damit einhergehend die größere Wahrscheinlichkeit im späteren Leben von sozialen Sicherungssystemen abhängig zu sein, können für die betroffenen Schüler und Schülerinnen erheblich sein.¹

Die Corona-Krise ist für die Schulen wie ein Experiment, das nie vorstellbar war: Wir nehmen alle Schülerinnen und Schüler einmal aus der Schule und müssen uns mit Digitalem befassen, weil es sonst keine Alternative zum Präsenzunterricht gibt. Allen Lehrkräften, die sich bisher nicht getraut oder verweigert haben, bleibt jetzt nichts anderes übrig, als digitale Lösungen auszuprobieren. Durch Corona wurde ein Raum geschaffen, in dem es keine Möglichkeit mehr gibt, das Digitale nicht zu denken.
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Johanna Börsch-Supan, Vodafone Stiftung

Die Corona-Krise bewirkt einen Durchbruch, weil viele Entwicklungen jetzt beschleunigt werden. Es geht um Tools wie digitale Lernplattformen, aber auch um die individuelle Begleitung eines Schülers oder einer Schülerin durch personalisierte Lernprogramme, die man sich als digitalen Coach vorstellen kann.
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Donate Kluxen-Pyta, BDA

Für das Leben lernen „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen“, lautet seit der Antike das oberste Bildungsziel. Ziel von Bildung ist es, junge Menschen so auszubilden, dass sie in der Lage sind, ihr ganzes Leben lang Neues zu lernen. Kann dieses Ziel mit Technologien des 21. Jahrhunderts, Unterrichtskonzepten aus dem 20. Jahrhundert und Schulen aus dem 19. Jahrhundert gelingen? Für die Schulen bedeutet der Corona-Schock vor allem einen enormen Digitalisierungsschub. Digitale Lernplattformen werden als Kernbestandteile oder Zusatzangebote des Unterrichts in Zukunft nicht mehr aus dem Schulalltag wegzudenken sein. Schule ist nicht nur ein Lern-, sondern auch ein Lebensort. Während der Corona-Krise waren bundesweit etwa 40.000 Schulen in Deutschland geschlossen. Das Virus SARS-CoV-2 hat auch die Schulen unvorbereitet getroffen. Etwa zwei Drittel der Lehrkräfte gaben in einer Befragung an, im Hinblick auf die neue Situation unzureichend vorbereitet gewesen zu sein. Monatelang geschlossene Schulen gab es außer im Krieg noch nie in Deutschland. Die meisten Schulen konnten ihre Schüler wochenlang nicht lehrplangemäß beschulen. Die „Generation Corona“ zahlt einen hohen Preis für das real existierende analoge Bildungswesen. Schulen, die bereits vor dem Ausbruch der Pandemie mit der Digitalisierung begonnen hatten, besaßen einen Vorteil in der Corona-Zeit. Schüler und Schülerinnen an Schulen, die vor der Krise noch keine digitalen Angebote implementiert hatten, hatten das Nachsehen und mussten per WhatsApp, Mail oder gleich per Post ihre Schulaufgaben erledigen. Viele Lehrende weigerten sich aus Datenschutzgründen, ihre E-Mail-Adresse zu kommunizieren. Ein Viertel der Lehrkräfte gab in einer Studie der Vodafone Stiftung an, dass sie in den ersten Wochen völlig auf sich allein gestellt waren.³ Und nur 14 Prozent, also nicht einmal jede siebte Schule, nutzten Videokonferenzen mit ihren Schülern.⁴ Die Hälfte der Lehrkräfte fühlte sich von den Behörden nicht unterstützt.⁵ Corona machte aber auch deutlich: Digitale Technologien können guten Unterricht nicht ersetzen, sondern lediglich ergänzen. Entscheidend für gutes Lernen ist der persönliche und direkte Kontakt zur Lehrkraft. Die Stunde der kreativen Veränderer Auch 20 Jahre nach der ersten PISA-Studie erhält das deutsche Bildungswesen international ein schlechtes Zeugnis. Die im Dezember 2019 veröffentlichte PISA-Studie 2018 bescheinigt Deutschland einen Platz im Mittelfeld.⁶ Im Vergleich zur letzten Erhebung hat sich das Land in den drei untersuchten Feldern Lesekompetenz, Mathematik und Naturwissenschaften verschlechtert.⁷ Die Leistungen der deutschen Schüler seien „leicht rückläufig und mit großem Abstand zu den Spitzenreitern.“⁸ Besonders alarmierend: Jeder fünfte Schüler (20,7 Prozent) erreicht nur eine niedrige Lesekompetenzstufe. Auch der Einfluss der sozialen Herkunft auf die Ergebnisse liegt hierzulande deutlich über dem OECD-Durchschnitt – in Deutschland hat die soziale Herkunft der Schülerinnen und Schüler einen besonders starken Einfluss auf deren Leistungen. Die Corona-Krise und die wochenlangen Schulschließungen werden diesen Befund verstärken. Das deutsche Schulsystem hat die digitale Revolution weitgehend verschlafen und steckte bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie in der Buch- und Prüfungsschule des 19. Jahrhunderts fest. Die enorme Wertschätzung, die Schulen und Lehrkräfte in der Zeit während der Corona-bedingten Schulschließungen in der Öffentlichkeit erfahren haben, macht Mut für die nächste Zukunft und bietet Chancen, neue Wege zu gehen. Jetzt schlägt die Stunde der kreativen Veränderer.

Durch Corona geht vieles, was vorher undenkbar war. Ein „back to normal“ darf es nach der Krise nicht geben. Es geht darum, die Faktoren Kommunikation, Differenzierung, Individualisierung und Kollaboration mit Unterstützung von digitalen Medien besser zu machen und zu beschleunigen.
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Jacob Chammon, Forum Bildung Digitalisierung